Ein luxuriöser Ausgangspunkt und Körperbewusstsein
Vor Kurzem kam ein junger Mann in meine Praxis. Ich hatte ihn schon einige Jahre nicht mehr gesehen. In seinen Gesichtszügen erkannte ich sofort seine Mutter. Auch sie hatte ich schon eine Weile nicht mehr gesehen, und doch spürte ich so erneut die Verbindung und meine innere Freude darüber, ihren Sohn begleiten zu dürfen. Der junge Mann ist Anfang zwanzig. Er kam mit einer Frage, die ihm sehr am Herzen lag, die für ihn aber noch unklar war. Im Laufe der Sitzung bewegten wir uns immer weiter zum Kern seiner Frage hin. Die Antwort auf seine Frage wurde klar. Ohne dass ich auf Einzelheiten seiner Sitzung eingehen kann: Er spürte eine klare Leidenschaft und Mission in seinem Leben. Seine Entscheidung dafür war eindeutig, und wäre sie es noch nicht gewesen, dann hätte die gewählte Arbeitsweise keinerlei Zweifel daran gelassen. So jung zu sein und so klar zu wissen, wo deine Mission liegt, das ist ein luxuriöser Ausgangspunkt. Im Verlauf der Sitzung zeigte sich auch eine Wut. Ich wies ihn darauf hin. Er erkannte sie nicht sofort, doch sie führte ihn zu einer tiefen Trauer. Tränen füllten seine Augen. Was dann geschah, fand ich so schön, dass die Welt es erfahren ‚muss‘. Mit der ‚Welt‘ meine ich die Verantwortlichen in der Politik und die Entscheidungsträger auf allen Ebenen: in Politik, Wirtschaft, Finanzen, Umwelt usw. Die Emotion, die der junge Mann zeigte, ging viel tiefer als die Emotion rund um die Frage, mit der er ursprünglich gekommen war. Seine Trauer galt all dem, was gerade in der Welt geschieht. Allem, was im Gange ist. Viele Worte verlor er nicht darüber. Das war auch nicht nötig. Es war bis in seinen Körper hinein spürbar. Die Trauer wurde verkörpert. Das ist wichtig, um weitergehen zu können, denn das Körperbewusstsein treibt dich auf deinem Weg voran.
Ich verspüre nicht das Bedürfnis aufzuzählen, auf welch vielfältige Weise die Achtung vor dem Leben der Menschen und des Planeten in Bedrängnis gerät. Davon hat wohl jeder eine gewisse Vorstellung. Was ich mich regelmäßig frage, ist, ob diejenigen, die die Entscheidungen darüber treffen oder sie ausführen, jemals innehalten und bedenken, welche Wirkung der achtlose Umgang mit allen Formen des Lebens auf junge Menschen hat. Auf junge Erwachsene und kleine Kinder. Denkt man jemals daran, dass Krankheiten, Lern- und Verhaltensschwierigkeiten zum Teil darin wurzeln, dass das Leid, das fehlende Achtung vor dem Leben und ungerechtes Handeln mit sich bringen, kollektiv erfahren wird? Ich frage es mich, sollte es aber nicht tun. Ich weiß es. Dieser junge Mann ist nur einer von vielen, die diese Trauer in sich tragen.
Die Gegenwart gibt Hoffnung.
Das muss jedoch keine schlechte Nachricht sein. Die Trauer und seine zielgerichtete Leidenschaft können zu einem wunderbaren Team werden, das sich auf den Entscheidungsebenen dafür einsetzt, bewusst mit all dem Schönen umzugehen, das uns hier auf der Erde geschenkt wird. Seine Tränen gaben mir Hoffnung. Seine Leidenschaft gibt mir Hoffnung. Er ist nicht der Einzige. Überall auf der Welt werden junge Menschen sich hin zu Lösungen für das Chaos treiben lassen, das jetzt sichtbar ist. Ich verwende die falsche Zeitform. Es geschieht bereits jetzt, in der Gegenwart. Das gibt Hoffnung. Perspektive. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es sich mehr und mehr zeigt.
Sein Sinn für Gerechtigkeit und Schönheit in der Welt erinnerte mich an eine Übung, die ich letztes Jahr mitten in der Coronazeit gemacht habe. Eine Übung, bei der ich gebeten wurde, einen Brief an mein Geburtsland oder mein Geburtsdorf zu schreiben. Ich entschied mich für das Land. Alle Gefühle, die dabei aufkamen, durften zum Ausdruck gebracht werden. Ich war gespannt, was alles auftauchen würde, denn auf eine solche Idee war ich noch nie gekommen. Ich wollte mich überraschen lassen. Gerne lasse ich dich kurz mitlesen.

Brief an mein Land.
„Oh, geliebtes Belgien,
Als ich die Aufgabe bekam, dir einen Brief zu schreiben, kamen mir ganz spontan die Worte ‚Oh, geliebtes Belgien‘ in den Sinn. Während ich alles vorbereitete, ging ich in Gedanken durch, was ich dir erzählen könnte.
Wie sehr ich es als Teenager genoss, an Sommerabenden nach dem Tennis mit dem Fahrrad an Wiesen mit Schäfchen vorbei nach Hause zu fahren, wenn die Sonne schon untergegangen war, die Abendluft aber noch den Sommer ein- und ausatmete.
Wie ich jedes Mal, woher ich auch komme, und sei ich nur einen Tag weg gewesen, bewusst über die Grenze fahre und das Gefühl habe, wieder zu Hause und in Sicherheit zu sein.
Sicherheit habe ich bis vor einigen Jahren in deinem Schoß erfahren, auf vielen Ebenen, von der Natur über die Kultur bis hin zur gesellschaftlichen Ordnung.
Die Unterscheidung, die man zwischen Flamen und Wallonen machte, und den Wunsch mancher, dieses Land zu spalten, habe ich mit meinem Herzen jedoch nie verstanden. Verbinden liegt eher in meinem Wesen.
Ein kleines, aber feines Land, würde ich sagen, mit einer würdigen Kulturgeschichte. Die Dinge, die jetzt schieflaufen, kann ich dir nicht anlasten, denn sie geschehen nicht durch dein Zutun.
Als ich das, was in mir aufkam, aus meiner Feder fließen ließ, fiel mir ein, dass ich, wie so viele Belgier, die Brabançonne, deine Nationalhymne, nicht kenne, abgesehen vom ersten Satz. Ich suchte den Text heraus und fühlte mich tief verbunden mit der Geschichte dieses reichen Landes.
Der Text allein genügte mir nicht, merkte ich. Ich wollte das Lied, das von dir handelte, gesungen hören. Zum Glück findet man auf YouTube so ziemlich alles, und ich hatte es sofort gefunden. Ich drückte auf die Play-Taste, und dann geschah etwas, das mich völlig überraschte und das ich nie hätte ahnen können, auch wenn ich mich mit dir verbunden fühle.
Die Töne der ersten Worte, ‚Oh, geliebtes Belgien‘, waren noch nicht verklungen, da brach ich in Schluchzen aus. Nicht aufzuhalten. Das Schluchzen kam von tief innen. Es war existenziell. Es war schon lange da. Bereit, sich zu entladen. Als würde eine tiefe alte Liebe, die man nie vergessen hat, die aber verschwommen im Hintergrund lebt, durch einen Klang plötzlich wieder zum Leben erwachen, lebendig werden. Ein Gefühl, das alles andere verblassen und vergessen lässt. Es gab nur das.
Bis in unsere Zellen sind wir verbunden. Eine gegenseitige Liebe und Getragenheit. Auch wenn der Text auf vergangene Zeiten verweist, war ich in Kontakt mit etwas Großem, etwas Wertvollem. Einem lebendigen Wesen.
Ich spürte Hingabe an dich, einen liebevollen Drang, dich davor zu schützen, dass das grüne Land zersplittert, in zwei Teile geschnitten wird. Mein Herz erträgt es nicht.
Ich dachte an all die Menschen aus fremden Ländern, die hier leben, die auf deinem Boden willkommen sind und gleichzeitig wahrscheinlich eine ebenso tiefe Liebe zu ihrem Herkunftsland empfinden. Ich verstehe sie. Das tat ich früher auch schon, aber jetzt anders und besser.
Jetzt, da ich etwas zur Ruhe gekommen bin, wird mir bewusst, eigentlich schon vorhin, dass ich mit etwas verbunden war, das viel größer ist als das, was ich gewöhnlich für dich empfinde. Das größere Ganze. Es erinnert mich an die systemische Arbeit (Aufstellungen).
Zu welch tiefer, so tiefer, nie gekannter Trauer und zu welch einem Gefühl hat mich diese Aufgabe geführt. Gleichzeitig kam ich in Kontakt mit der Liebe zu den Millionen Mitbewohnern, die alle von dir getragen werden und dadurch etwas gemeinsam haben. Ich bin nicht Wortkünstlerin genug, um mein Gefühl von vorhin zu beschreiben. Es war überwältigend.
Danke für diese Erfahrung.
Danke für das Zuhause, das du mir schenkst.
Danke, dass du mir einen Einblick in das energetisch größere Bild eines Landes gibst.
Oh, geliebtes Belgien,
in meinem Herzen als mein Elternland.
Verbunden sind wir durch eine Nabelschnur, die zugleich gelöst ist
und in deinem Schoß getragen wird.
In tiefer Liebe und Dankbarkeit. Hilde“
Antriebskraft für unsere Mission
Wer hätte je gedacht, dass ich einen Liebesbrief an mein Land schreiben würde? Wer hätte je gedacht, dass ich dadurch Einblick in eine Energie bekommen würde, die Zeit und Raum überschreitet. Es ist nur eine der vielen Manifestationen, die sich im Leben zeigen, jenseits dessen, was wir mit unseren Augen sehen, mit unseren Ohren hören und mit unserem Gehirn denken. Wir sind mit allem verbunden. Wirklich mit allem. Wir tragen eine tiefe Liebe zum Leben in uns. Zum Glück werden wir ab und zu daran erinnert. So wie der junge Mann in meiner Praxis. So wie so viele, denen wir nicht persönlich begegnen. Wir sind fühlende Wesen. Wenn wir unsere Sensitivität zulassen und entwickeln, bekommen wir einen weiteren Blick auf die Wirklichkeit und die Antriebskraft, uns für unsere Mission einzusetzen. Das gibt Hoffnung. Viel Hoffnung.
Es ist wichtig, dass wir den energetischen Blick bewahren oder entwickeln. Es ist eine Sichtweise, die es schon seit Tausenden von Jahren gibt, die aber auf vielerlei Weise ignoriert wurde. Überall auf der Welt kommt sie wieder ins Bewusstsein, damit wir uns selbst und die Welt besser verstehen und ein größeres Potenzial erschließen können. Die Workshops und Ausbildungen, die ich in meiner Academy anbiete, entsprechen dem Bedürfnis, unser kollektives Bewusstseinspotenzial anzuheben und zu pflegen.
Hilde Van Bulck
Bewusstseinscoach, Rednerin, Autorin, systemische Aufstellungsleiterin und Beraterin, mit einer tiefen Leidenschaft für Bildung
Autorin von De Eigenwijze kikker und De nacht van ons leven
Begleiterin für Bildung bei Organisation Of The Future
AMI Aktivatorin, Motivatorin, Inspiratorin



